Mittwoch, 6. Oktober 2010

Die erste Woche im Procasa und das Einleben

Mittwoch




Gleich am Mittwochmorgen begab ich mich zum Procasa, um mich erst einmal vorzustellen und zu klären, wann und wie ich arbeiten werde. Als ich im Procasa ankam, begrüßte mich "Lulu", die eine von den zwei "Heimmüttern" ist, führte mich durch das Procasa, auch wenn sie ein bischen überrascht von meiner Ankunft war.
Verbindungshof Küche, Bad und Schlafsaal
Zurzeit leben dort 12 Jungen zwischen 8 und 13 Jahren. Das Procasa ist tatsächlich relativ groß und besitzt, abgesehen natürlich von Schlafräumen für die Kinder, sowie Badezimmer und Essraum, der eins ist mit der Küche,
Küche mit Esstischen im Hintergrund
zusätzlich einen relativ großen Innenhof, mit ca. 3m hohen mauern, mit 2m hohen Zäunen darauf. Der Hof hat ungefähr eine Drittel Sporthallengröße, und hat zwei feste Basketballkörbe und zwei mobile 

Innenhof
Fußballtore, allesamt aus Metall. 
Unten links ist der am meisten genutzte Raum
Vom Hof ab gehen insgesamt vier Räume in zwei Stockwerken, unten sind der am meisten genutzte Raum, für die morgendliche Unterrichtsstunde eines Psychologen namens José Luis sowie Hausaufgaben und Aktionen, die ich mit den Kindern machen möchte. Daneben ist der Raum des Sportlehrers, in dem sich alle möglichen Bälle, Schläger und Netze für die Tore befinden.
Im oberen Stockwerk sind der Unterrichtsraum für Englisch und einer speziellen Psychologin, die nur die Kinder mit stärkeren Problemen betreut, sowie ein Raum der "Computación" mit fünf "Ordenadores"!
Außerdem hat das Procasa noch ein Büro für die Direktorin und ihre Sekretärin, die allerdings beide nur halbtags da sind, und einen Wasch-Raum für die Angestellten.
Insgesamt ist das Procasa erstaunlich gut ausgestattet und auch ziemlich gut versorgt.

Da es ca. 10 Uhr waren, als die Führung beendet war, durfte ich gleich noch in den Unterricht von José Luis gehen und mich den Kindern vorstellen. Die Kinder haben sich anschließend auch mir vorgestellt, allerdings habe ich kaum ein Wort des schüchtern dahingenuschelten Milchzahnlücken-mexikanischen Spanisch verstanden und habe die meisten Namen erst im Laufe der nächsten Tage beherrscht.

Nach dem Unterricht hatten die Kinder kurz Freizeit und anschließend Sportunterricht im Innenhof, bevor sie zu Mittag aßen und nachmittags aus dem Procasa zu einer öffentlichen Schule gingen. Das war die Einleitung meines ersten Feierabends, denn von den Arbeitszeiten her war noch nichts geklärt und ich war hundemüde vom jet-lag. Außerdem sagte mir Lulu, dass ich mir meine Arbeitszeiten selbst aussuchen könnte... naja es kam dann irgendwie alles so langsam in die Gänge.


Rest der Woche im Procasa







Im Laufe der Woche habe ich inzwischen die Namen gelernt und am zweiten Tag habe ich abends die Direktorin kenngelernt, Rosa Alba, die mir gesagt hat, ich könne arbeiten wie ich wolle und wann ich wolle, was ich allerdings nicht geglaubt habe und deshalb versucht habe möglichst vernünftige Arbeitszeiten zu wählen. Ich arbeite jetzt von 9-14Uhr, denn dann gehen die Kinder zur Schule und komme gleichzeitig mit ihnen zurück um 18.30Uhr. Dann helfe ich ihnen noch mit den Hausaufgaben und spiele mit denjenigen, die fertig sind und bringe sie zum Abendessen und fertigmachen.

Gegen 20.30-21.00Uhr bin ich meistens schon wieder zuhause.
Am Freitag habe ich Rosa Alba gefragt, wie genau ich denn helfen könnte, denn tagsüber habe ich teilweise nichts zu tun und kann nur dumm rumstehen, weil die Kinder sehr selbstständig sind und es nur selten Zankereien gibt. Ich habe noch keine wirklich handwerkliche Arbeit gefunden, aber Rosa Alba hat mir versprochen, dass sie jede Menge Arbeit por los hombres(für Männer) habe.
Da José Luis, der Psychologe auch erst seit 4 Wochen im Procasa arbeitet, haben sich auch seine Arbeitspläne nochmal geändert und er hat morgens jetzt immer nur 1-3 Kinder im Einzelunterricht, ich habe also alleinige Aufsichts- und Beschäftigungspflicht der übrigen. Das habe ich bisher erst zwei mal gemacht und es hat gut geklappt, allerdings braucht man doch gewaltig viele Ideen, die Kinder sinnvoll zu beschäftigen.
Außerdem habe ich am Donnerstag und Freitag (jueves y viernes) meine eigenen Unterrichtsstunden für die Kinder bekommen, weil der Sportlehrer an diesen beiden Tagen nicht im Procasa sein kann. Ich bin schon eifrig am Planen der Stunden.


Allgemeines Einleben in Oaxaca

Das Einleben hier ist relativ einfach. Was ich am Anfang von der Stadt gesehen habe (vom Flughafen im Süden bis ins Zentrum) war anscheinend die hässlichste Seite der Stadt. Das Zentrum ist nicht nur voll mit schönen Bauten und relativ viel Polizei, es ist auch Tag und Nacht belebt und zwar von morgens bis Abends. Ich dachte, die ganzen Marktstände, Buden und Straßenverkäufer würden kurz nach der Unabhängigkeitsfeier wieder abbauen, aber anscheinend ist das der Normalzustand. Von Raubüberfällen auf den Straßen muss man also vorerst nicht ausgehen, da die immer voll sind, auch abends um 11Uhr. Selbst am Samstag, als wir mit einem anderen deutschen Freiwilligen und einem Chinesen unterwegs waren, hatte nachts noch viele Straßenverkäufer "geöffnet" und haben hot dogs und Hamburger für umgerechnet 0,8€ verkauft!
Da wir aber nicht wissen, wie es mit Taschendieben aussieht, hat man in der Regel nur seine Arbeitssachen, einen Schlüssel und ein paar Münzen in der Tasche, falls man doch nochmal auf dem Heimweg zum Bäcker will und Schokocroissants für 9Cent einkaufen will. Dabei ist Oaxaca aber laut Aussage der Einheimischen noch sehr teuer.
Die deutsche Bank war außerdem so freundlich, mir meine ohne Mitteilung gesperrte EC-Karte wieder freizugeben und so konnte ich das erste mal erfolgreich Geld abheben.
An die Sprache hat man sich mittlerweile einigermaßen gewöhnt, aber ich persönlich verstehe immer nur die Hälfte dessen, was die Einheimischen sagen. Vor allem bei jungen Frauen und Kindern, ist die Sprachfrequenz sehr hoch. Mit ihrer Sprachgeschwindigkeit bringen sie im Spanischen Inhalte etwa drei mal so schnell rüber, wie ein durchschnittlicher Deutscher ohne Sprachfehler.
Ältere Damen merken sehr schnell, wie gut man hinterherkommt und passen ihr Vokabular und ihre Sprachgeschwindigkeit an, während das älteren Herren, gelinde gesagt, am A vorbei geht!
Am Sonntag war ich von José Luis, seiner Freundin und 3 Bekannten zum Essen eingeladen und es war super! Es gab richtig schön scharfe Tacos und fritierte Heuschrecken sowie Erdnüsse ein bestimmtes Kraut, das ähnlich wie Pfefferminz schmeckt und natürlich typisch mexikanisch je nach Belieben haufenweise "chile" und "limones" dazu. Von der oaxacanischen Spezialität, den Heuschrecken war ich ziemlich enttäuscht. Sie waren kein bischen kross und haben eine ähnliche Konsestenz wie ihr Aussehen und das einzige wonach sie geschmeckt haben war Salz. Die Suppe mit Bohnen und "pollo"(Hühnchen) war sehr lecker. Überrascht hat mich nur, in welchen Mengen die Einheimischen Mezcal (Stärker als Tequila, wird aus dem Herz der Agaven gewonnen) aus einem ganz normalen Glas zum Essen trinken! Aber das anschließende Fußballspiel im Fernsehen und das Kartenspielen waren sehr lustig und haben den Abend perfekt abgerundet. Die Sprachbarriere ist nicht mehr wirklich vorhanden, allerdings befinde ich mich noch auf einer Schotterpiste aus einer Mischung aus Kiesel und Kopfsteinpflaster mit jeder Menge Schlaglöchern! Ich hoffe da wird irgendwann mal eine Asphaltierte Straße draus.


Wohnung

Zurzeit wohne ich nach wie vor bei Benny und Simon auf dem Sofa, aber wir sind schon seit längerem auf der Suche nach etwas Neuem, optimalerweise für drei Personen, da wir sehr gut miteinander klarkommen. Das Problem ist nur, dass es in Oaxaca nur wenige 3-Zimmerwohnungen gibt, die einigen wenigen, die es gibt sind teuer, außerhalb von Oaxaca, nicht moebliert und ohne Wasser und Strom und durch die zusätzlichen Kosten wieder zu teuer. Wir haben auch schon zwei Wohnungen gefunden, die direkt nebeneinander sind, eine zweier- und einer-Wohnung, allerdings ist der Organisation der Preis von 3000Pesos/Monat für die Einzelwohnung zu teuer. Meine Direktorin hat versucht mir bei der Wohnungssuche zu helfen, da sie Immobilienhändlerin ist. Doch sowohl sie, als auch andere im Procasa meinen, dass Oaxaca leider teuer sei und solange ich kein Einzelzimmer ohne Küche mit 20-Leute-Gemeinschaftsbad haben möchte, in eine gefährliche Wohngegend ziehen oder auf Licht, Wasser und Gas verzichten möchte, müsse ich wohl oder übel 3000 Pesos zahlen... Naja wir schauen uns morgen mit meiner Direktorin noch eine leerstehende Wohnung an und werden dann mit Via e.V. klären, wie genau wir nun vorgehen sollen!


Benny und Simon beim Essen der misslungenen Minipfannkuchen

Montag, 4. Oktober 2010

Tag der Anreise

Hamburg


Nachdem ich mich am Montag von meiner Familie und Freunden verabschiedet habe, stand ich am Dienstag pünktlich um 4 Uhr auf, um den gerade am letzten Abend gefertigten Backpacker ins Auto zu laden und mit Wiebke bis nach Harburg und von dort mit der Bahn bis zum Flughafen zu fahren. Dort habe ich noch einen letzten Cappuccino, überteuert wie nur sonstwas genossen, eingecheckt und mich durch die Sicherheitskontrolle geschlagen. Der Abschied ist mir im Vergleich zu einigen anderen Freiwilligen nicht ganz so schwer gefallen, denn ich war ja schon auf eine deutlich frühere Abreise eingestellt und hatte mich mental schon verabschiedet.
Doch schon gleich beim Einsteigen in das Flugzeug ergab sich das erste Problem; Der Pilot kündigte eine Verspätung von etwa einer halben bis dreiviertel Stunde an und ich bekam meine erste böse Ahnung, dass das ganze volle Kanne in die Hose gehen würde.
Das Flugzeug startete schließlich mit etwa 20 Minuten Verspätung und kam trotzdem pünktlich in Paris an, wie auch immer es dem Piloten gelungen war diese Verzögerung aufzuholen mich hatte er damit glücklich gemacht!

Paris

Glücklicherweise ist das Reisen innerhalb der EU sehr angenehm und ich war schnell im Wartesaal des richtigen Terminals und konnte mir nun 2 Stunden lang die Zeit vertreiben, da ich die Sicherheitskontrolle inzwischen etwas routinierter passieren konnte. Ein freundlicher Sicherheitsbeamter teilte mir außerdem mit, dass mein Gepäck sich bereits an Bord befinde und ich konnte mich bei ein bischen Musik und einer spannenden Partie Hearts gegen meinen Laptop entspannen. Beim Einsteigen in das nächste Flugzeug, ein etwas größeres Kaliber, bekam ich dann ein Formular in die Hand gedrückt, dass ich bitte bis zur Einreise ausfüllen solle. Und so gut mein Schulspanisch auch sein mochte, ohne Hilfe der netten jungen Nonne, die während des Fluges neben mir saß und mir in einem merkwürdig spanischen Französisch erklärte, was denn dort auf Spanisch verlangt werde, hätte ich niemals alles ordnungsgemäß ausfüllen können.
Ein weiteres Problem wäre meine erste Begegnung mit typisch lateinamerikanischem Verhalten gewesen, wenn mir die Nonne keinen Stift geliehen hätte. Denn ich habe die mexikanischen Stewardessen etwa 5 mal in drei verschiedenen Sprachen gefragt, ob ich nicht einen Stift oder etwas anderes zu schreiben für das Formular bekommen könnte. Die Antwort war stets ein sehr freundliches Lächeln und eine Zusage, allerdings hätte ich auf die Stifte wohl eine Ewigkeit warten können, denn sie kamen einfach nicht!
Immerhin war das Essen grausam und die Stewardessen inkomepent, so konnte mich Aeromexico schließlich doch noch von seiner Unzuverlässigkeit überzeugen!
Die Ankunft in Mexiko war allerdings um einiges komplizierter als die in Paris.



Mexiko City

Nachdem ich die Prüfung des Formulars anscheinend bestanden hatte und der "freundliche" mexikanische Zollbeamte mir mitgeteilt hatte "Si si si... Check-in si si." als Antwort auf meine Frage, ob mein Gepäck sich bereits an Bord des Flugzeugs nach Oaxaca befinde, ging ich davon aus, dass dies auch so sei. Allerdings stellte sich gleich heraus, dass ich mich irrte, denn mein Gepäckstückt hatte leider seine Check-in Nummer, sowie das Band mit meinem Adress-schildchen dran verloren und ich bekam es von einem etwas freundlicherem Flughafenmitarbeiter in die Hand gedrückt und durfte es neu einchecken.
Ich war jetzt relativ gespannt, wie genau denn so ein mexikanischer Flughafen sich von europäischen unterschied und bin zu dem Schluss gekommen: Bis auf die Fluggäste und Angestellten, sowie die Preise in den Tiendas(Läden) unterscheiden sie sich kaum! So ziemlich kein einziger Flughafenangestellter besaß englische Sprachkenntnisse, aber dafür kosteten 0,6l Coca Cola gekühlt, nichtmal aus dem Duty-Free Shop nur 11 Pesos(ca. 65Cent). Das war eindeutig der erste Punkt für Mexiko, abgesehen von dem unglaublichen Eindruck dieser selbst aus der Luft schier unendlich groß erscheinenden Stadt, deren Viertel sich bis zu einer gewissen Steigungsgrenze die Berge erklimmen, die überall aus der Erde schießen.
Als schließlich das Abfluggate für Oaxaca angegeben wurde, erkannten Miguel und Vicky, wie ich sie nennen soll (Schwiegereltern eines Arbeitskollegen von Wiebke) uns so ziemlich zur gleichen Zeit erkannt und angesprochen. Die beiden sind Ärzte und arbeiten in Oaxaca. Jetzt konnte ich endlich bemerken, wie mittelmäßig mein Spanisch ist :D 
Aber wenn man schließlich gezwungen wird, Spanisch zu sprechen, findet sich immer ein Weg sich auszudrücken. Es geht einfacher als man denkt.


Im Flugzeug habe ich dann etwas typisch mexikanisches gegessen; Erdnüsse mit Limonengeschmack (Limonen gibt es hier zu ziemlich jeder Art von Essen und Snacks).

Oaxaca


Vom Flughafen aus habe ich mir gemeinsam mit Vicky und Miguel ein offizielles Taxi genommen und erstmal die Konsequenzen von keiner Kanalisation und heftigem Regen gesehen; das Taxi musste mehrmals auf die Gegenfahrbahn umgeleitet werden, weil rund um Oaxaca (der Flughafen liegt im Süden) alles überflutet war und die Straßen 50cm bis 1m unter Wasser standen. An der Wohnung angekommen, habe ich mich verabschiedet und Benny (kenne ich schon vom Vorbereitungsseminar) und Simon, zwei andere weltwärts-Freiwillige von Via e.V. begrüßt und ein mexikanisches Bier getrunken, bevor ich es mir auf dem Sofa bequem gemacht habe und geschlafen habe.